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In dieser Stadt, in der alle rauchen - in der alle vor die Tür müssen, auf die Straßen, die Plätze, vor die Pizzete und die Tabacchi, um ihre Zigaretten zu rauchen - in dieser Stadt hat niemand Feuer.

Die Männer nicht, die sich an die Wand lehnen, nur mit der Schulter oder nur mit dem Becken, ganz so, als sei dieser einzige Berührungspunkt genug, sie im Gleichgewicht zu halten; die Frauen nicht, die sich nicht lehnen, die mal das eine, mal das andere Bein vorschieben, mal die eine Hand in die eine, mal die andere Hand in die andere Hüfte stemmen, die das Kinn heben und die Augen weit auf machen.

Männer und Frauen, nebeneinander, kaum drei Schritte voneinander entfernt, oder sich gegenüber, durch eine Fahrbahn, eine Gasse, einen Hof getrennt. Kaum Zeit fürs Betrachten und Schätzen, keine Zeit fürs Sattsehen. Das kommt später, wenn man raucht.

Jetzt ist Zeit fürs Fragen. Für die Bitte um Feuer. Für ein Lächeln und für den Blick in andere Augen. Zeit für ein Vibrieren in der Stimme: „Grazie“.

Jede Zigarette wird zu der winzigen Möglichkeit, der niemand die Chance auf Allergrößtes abfordert.

Es geht nicht um die Ewigkeit, es geht um diesen Moment, den man jetzt, genau jetzt, einsaugen will und muss.

Es geht um diesen Flirt, der nicht länger dauert als das Anzünden einer Zigarette und der sich anfühlt, als würde eine Hand über Haut streicheln.

 

 

Tische und Stühle überall. Sie schieben sich bis in die Mitte der Gassen und doch ist immer gerade genug Platz, dass die Wagen und Motorroller daran vorbei manövrieren können.

Kleine, runde, viereckige, wacklige, angerostete Tische - und unendlich viele Stühle.

Sitzen, Essen, Trinken - Stunde um Stunde hockt man bei einem Caffè Americano und einem Glas Wasser, ohne dass es den Kellner stört.

Es ist nicht wichtig, dass die Tischdecken schmuddelig und die Stühle unbequem sind. Wichtig ist, dass die Stühle so eng beieinander stehen, dass auch die Wenigen an einem Einzeltisch das Gefühl haben, sie quetschen sich in der heimischen Küche mit der ganzen Familie an den viel zu kleinen Esstisch - voller Vorfreude, hungrig, gierig.

 

Dem Fremden will es scheinen, dass man in einem Rom bei Sonnenschein niemals einsam sein kann.

Alle sind hektisch, laut und aufgeregt und doch - es gibt es keine Eile.

Es geht nicht um Gemütlichkeit, denn es ist nicht gemütlich, vor einer Snackbar oder in einem Cafe mitten auf der Straße bei Autolärm und Auspuffgasen zu hocken.

Es ist nicht gemütlich, im Stehen einen doppelten Espresso zu trinken, wenn nicht ein einziger der vielen Stühle mehr frei ist.

Es geht nicht ums Sitzen, Essen oder Trinken.

Sie wollen reden.

Es geht vielleicht nicht einmal ums Zuhören, denn alle sprechen gleichzeitig. Zwei Münder, drei, oder vier, die sich leer reden - vier Hände, sechs, oder acht, die wild gestikulieren, sich leer schütteln. Abschütteln, was zu schwer ist.

Sie reden sich Raum für Neues. Für Herrliches und für Schreckliches. Sie brauchen Platz, damit sie jemanden um Feuer bitten können.

 

 

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