Der Mann mit dem Topf auf dem Kopf

 

Er ist ein starker Mann in einer Haut, die zu ihm passt.

Er ist groß und kräftig und hat einen breiten Rücken, auf den er sich Last um Last aufladen lässt von denen, die ihm nah sind. Er trägt ihre Möbel in die neue Wohnung, ihre Schulden zu seiner Bank und ihre Ängste durch die Nacht. Manchmal drückt das Gewicht ihn tief, manchmal stolpert er, manchmal wird ihm der Atem knapp, aber er stürzt nie.

Ich falle nicht, sagt er - und also fällt er nicht.

 

Er ist ein zärtlicher Mann. Wie ein Dach kann er seine Hände auf die Köpfe seiner Kinder legen, wenn es dunkel wird. Schlaft gut – ich decke euch zu. Und wie eine Mauer kann er die Arme um eine Frau legen, wenn sie schwach sein will und ohne Verantwortung. Schlaf gut – ich pass auf. Manchmal fallen ihm kurz die Augen zu, manchmal macht die Müdigkeit ihn schwindlig, aber nie gibt er dem Verlangen nach.

Ich schlafe nicht, sagt er - und also schläft er nicht.

 

Manchmal wird er zu einem wütenden Mann. Dann setzt er sich einen Topf auf den Kopf und stürmt los. Der Topf wippt knapp über den Brauen, so dass er nicht ganz blind ist in seinem Zorn. Aber zuweilen rutscht der Topf doch über die Augen und dann sieht der Mann die Dinge nicht mehr. Er spürt nur noch, wie sie sind. Dann will er verletzen, weil er nicht weiß, wie zu heilen ist. Er rennt durch den Wald, sucht nach dem größten Baum und rammt ihm seinen Kopf mit dem Topf in die Rinde. Wieder und wieder, bis der Topf verbeult und die Baumhaut zerfetzt ist. Bis der Kopf so schmerzt, dass er nicht mehr denken kann. Was machst du da?, würde der starke Mann fragen, wenn er denn da wäre in diesem Moment. Ich stoße alles tot, würde der wütende Mann antworten.

 

Manchmal ist er ein trauriger Mann. Es quält ihn, dass sein Kreuz nicht breit genug ist, dass seine Hände nicht groß genug und seine Arme nicht stark genug sind. Es quält ihn, dass er nicht weiß, was ihn quält. Dann schleicht er an den Strand, wühlt sich in den Sand und sieht hinaus aufs Meer. Das stete Rollen der Wellen lässt seinen Atem gleichmäßig werden und ihr Rauschen dämpft den Schmerz in seiner Brust.

Wenn sein Blick nur noch traurig und nicht mehr ganz so schwer ist, hebt er ihn und lässt ihn wandern. Am Horizont entdeckt er ein Schiff und für einen Moment wünscht er nichts mehr als dass es näher käme. Er will mitfahren und heimkehren an einen Ort, den er nicht kennt.

Aber er weiß, dass das Wasser nicht tief genug ist und dass das Schiff nicht ankern kann. Gut so, seufzt der Mann. Er hebt seine Arme und beißt hinein, tief und fest, bis es blutet. Was machst du da?, würde der zärtliche Mann fragen, wenn er denn da wäre in diesem Moment. Ich beiße mir alles aus! , würde der traurige Mann antworten und blutende Gewebeteile in seinen Topf spucken.

Am Abend, wenn der Wind sich legt und es ganz still wird, steht der Mann auf. Wie ein Pirat, der einen Schatz zu verbergen hat, entfernt er sich zählend von seiner sandigen Höhle. Ein Schritt für jedes Stück Haut. Dann gräbt er ein Loch und versenkt den Topf. Er bedeckt ihn mit Sand, mit Muscheln, mit Steinchen, mit all den kleinen Dingen, die um ihn sind. Er wird den Topf immer wiederfinden, diesen ebenso wie die anderen. Er wird ihn niemals ausgraben.

Ich weine nicht, sagt der Mann - und also weint er nicht.