Ausgenuschelt

 

Resl stand an der Anrichte und schnitt breite Scheiben Brot ab, als Anderl, schlurfend wie immer, die Küche betrat.

„Die Huber ist tut!“

„Hm?“

Anderl pflanzte sich an den gedeckten Küchentisch und schob seine Füße unter den Stuhl.

„Tut! Mausetut!“

Wie immer vernuschelte er sein o. Resl stellte den Brotkorb vor ihn hin und wandte sich zum Herd, um die Teekanne zu holen.

„Wie ist das passiert?“, fragte sie über die Schulter.

„Nichts Genaues weiß man nicht. Sie ist vun ihrem eigenen Neubau gestürzt, vun dem neuen Bürugebäude. Vun ganz uben nach ganz unten!“

„Ein Unfall?“ Sie goss ihm ein und stellte den Zuckertopf neben seine Tasse.

„Kann sein. Aber es heißt, ihr Aktenkuffer hätt’ da uben gestanden. Anscheinend gewaltsam geöffnet und durchsucht. Da stellt die Pulizei halt Fragen.“

Anderl schaufelte Zucker in seinen Tee, schlürfte einen Schluck und schnaufte zufrieden. Dann bestrich er eine Scheibe Brot dick mit Butter und biss ab.

„Ein Mutiv hat wuhl nur der Huber“, überlegte er kauend. „Aber der hat ja dieses Vertigu, oder wie immer das heißt. Na, Höhenangst halt. Der kann bestimmt nicht in einen unfertigen achten Stuck klettern, solange da nuch die Wände fehlen.”

Resl setzte sich ihm gegenüber an den Küchentisch.

„Wieso der Huber?“

„Na kumm“, schmatzte ihr Mann. „Das weiß duch jeder im Durf, dass er sie nur ihres Geldes wegen geheiratet hat. Ich wette, der schiebt sich schun lange unter fremde Röcke.“

Er kicherte. „Ich würd’ ja sagen: geiler Buck. Aber Böcke können klettern.“

Er verschluckte sich fast an seinem eigenen Witz und trank schnell einen großen Schluck Tee.

„Na, jedenfalls hat der Huber ein Alibi. Und andere Verdächtige gibt’s anscheinend bisher nicht. Vielleicht ist sie auch gesprungen. Wer weiß. Uder wirklich nur gestulpert.“

Anderl schob den Teller von sich.

„Irgendwie scheint’s mir ja auf den Magen zu schlagen, mir schmeckt’s heute gar nicht su“, murrte er. „Dabei war ich nun nicht gerade ein Fan vun der Huber.“

„Vielleicht hat es mit Geld zu tun“, warf Resl ein. „Immerhin war sie eine reiche Frau. Dir hat sie doch auch den Kredit gegeben. Für den neuen Traktor und den Ausbau der Scheune.“

„Und genügend Zinsen dafür verlangt“, brummte Anderl. „Aber daran wird ihr Tud leider nichts ändern. Die Huber hat alles schriftlich gemacht: eine Ausführung für mich. Eine Kupie für sich. Jetzt geht das schöne Geld eben an den Witwer.“

Er schob die Hand in den Nacken und seufzte.

„Auch wenn ich keine Ahnung hab’, wu ich’s herhulen sull.“

„Und wenn man den Vertrag nicht findet?“

Anderl hob den Kopf und sah sie verwirrt an.

„Wie? Nicht findet?“

„Na ja, wenn es ihn einfach nicht mehr in ihren Unterlagen gibt?“

Sie stand auf, öffnete eine Schublade und entnahm zwei Blatt Papier. Anderl wischte sich die fettigen Finger an der Hemdbrust ab und griff nach den Zetteln.

„Das hier ist mein Vertrag mit der Huber“, murmelte er und warf einen Blick auf den zweiten. „Und das hier ...“

Er ließ das Blatt sinken und starrte Resl an.

„Mein Gutt, Resl! Wie kummst du daran?“ Seine Stimme klang belegt.

Sie nahm wieder Platz und lehnte sich zurück.

„Na wie schon? Ich hab’s der Huber abgenommen. Da oben im achten Stock!“

Anderl schloss kurz die Augen, schüttelte den Kopf. Dann sprang er auf. Kleine Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Wie kunntest du?“ Er fuchtelte mit den Blättern in seiner Hand. „Wie KUNNTEST du nur! Wegen der Schulden?“

Er zerrte an seinem Hemdkragen, öffnete den obersten Knopf. “Ich weiß ja, wir sind knapp dran. Du hast dir das Leben mit mir anders vurgestellt. Aber das hätten wir duch hingekriegt. Irgendwie hätten wir das Geld schun aufgetrieben.“

Er stöhnte auf. „Himmel, was machen wir denn jetzt nur?“

„Beruhige dich, Anderl. Komm, setz dich hin und trink deinen Tee.“ Resl lächelte ihn sanft an. „Es ist nicht wegen der Schulden.“

Erstaunt ließ er sich auf seinen Stuhl plumpsen und nahm widerstandslos die Tasse, die sie ihm zuschob. Seine Augen schienen leicht glasig, als er sie jetzt verständnislos ansah.

„Nicht? Warum, in Guttes Namen, dann?“

„Du brauchtest ein Motiv!“

Ratlos und mit offenem Mund starrte er sie an.

„Ich? Ein Mutiv? Wie jetzt?“

„Um die arme Frau Huber zu ermorden natürlich. Sie war ihrem Mann im Weg. Und mir ehrlich gesagt auch. Wir brauchten einen Täter.“

Anderl schnappte nach Luft. „Der Huber – und du?“

„Ja! Der Huber und ich!“

Resl beugte sich über den Tisch und erklärte mit ruhiger Stimme.

„Siehst Anderl, bei einem Mord braucht man nicht nur einen Täter, sondern der Täter braucht auch einen Grund für seine Tat. Ist doch logisch. Dein Motiv ist Geld. Du hofftest, durch die Beseitigung der Huber und der Verträge aus deinen Schulden herauszukommen.“

Sie seufzte.

„Armer Anderl! Jetzt plagt dich dein schlechtes Gewissen. Du verkraftest diesen Mord einfach nicht. Da bleibt dir nur eines. Du begehst gerade Suizid, mein Lieber!“

Anderls Augen verdrehten sich, während er langsam, sein Motiv noch in Händen, vom Stuhl auf den Boden sackte. „Was ...?“

Resls letzte Erklärung erreichte ihn nicht mehr.

„Gift im Tee.“

Sie stützte ihr Kinn in die Hand und betrachtete seinen leblosen Körper.

„Selbstmurd!“

 

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